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Ist Deutschland nur in Wut (wieder-)vereint?

Für den in Nünchritz aufgewachsenen Regisseur Matthias Schmidt war die Podiumsdiskussion im Kinder- und Jugendtreff Kombi am 26.08.2026 keine Routineveranstaltung, sondern eine sehr persönliche Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Einige ehemalige Klassenkameraden befanden sich unter den Gästen und Matthias Schmidt erzählte mit bewegter Stimme davon, wie er nur wenige Meter entfernt im Karl-Liebknecht-Ring 26 aufwuchs.

Bei vielen ist immer noch Bitterkeit über die Wiedervereinigung zu spüren

Im Laufe der einstündigen Veranstaltung nutzten viele Gäste die Chance, mit dem Grimme-Preisträger ins Gespräch zu kommen. Viele Aspekte rund um das Thema Wiedervereinigung und ihre Folgen konnten beleuchtet werden. So wurde unter anderem von den eigenen Kindern berichtet, die nach der Wiedervereinigung „nur kurz“ in den Westen gehen wollten, um dann doch dauerhaft dort zu bleiben. Und die mit der Zeit ihren sächsischen Dialekt ablegten, weil sie sich in ihrer neuen Heimat immerzu mit Vorurteilen konfrontiert sahen.

Reiner Bieder von der Volkssolidarität Mitgliedergruppe Nünchritz moderierte die Veranstaltung
Reiner Bieder von der Volkssolidarität Mitgliedergruppe Nünchritz moderierte die Veranstaltung

Andrea Beger, Bürgermeisterin von Nünchritz, wollte von Matthias Schmidt wissen, ob es sich bei diesem innerdeutschen Konflikt um eine Generationenfrage handele. Für den Regisseur, der für seine fünf „Wut“-Filme nicht nur Ost-, sondern auch Westdeutschland bereiste, existierten bis heute Ungleichheiten zwischen den beiden Landesteilen und Klischees lebten fort. Hier setzte eine weitere Wortmeldung hinzu: Ungleichheit bestehe heute auch noch dadurch fort, dass es in der DDR nicht möglich gewesen sei, Vermögen aufzubauen. Folglich gebe es nichts zu vererben.

Die Wiedervereinigung ist noch nicht abgeschlossen

Wenn während mehrerer Wortmeldungen lieber von „Vereinnahmung“ oder gar „Anschluss“ gesprochen wurde, konnte sich der Gedanke aufdrängen, die Wiedervereinigung sei gescheitert. Beide deutsche Staaten, gibt Matthias Schmidt zu bedenken, starteten mit einer positiven Erzählung: Demokratisierung und Wirtschaftswunder im Westen, der Aufbau des Sozialismus im Osten. Für das wiedervereinte Deutschland fehle es bislang hingegen an einer positiven Erzählung mit integrierender Kraft.

Der Regisseur aus Nünchritz ist dennoch optimistisch und gibt allen Anwesenden einen Ratschlag mit auf den Heimweg: „Bleiben Sie aneinander interessiert und brechen Sie den Kontakt zueinander nicht ab. Setzen Sie sich gemeinsam für etwas ein, als gegen etwas zu sein.“ Denn die Bereitschaft und der Wunsch, miteinander ins Gespräch zu kommen, sei da – in Ost wie West.

Interview mit Matthias Schmidt

Matthias Schmidt hat sich vor der Veransatltung noch etwas Zeit genommen, um dem Volkssolidarität Riesa-Großenhain e. V. ein paar Fragen zu beantworten.

Interviewer: Wie sind Sie auf das Thema Wut gekommen? Gab es dafür einen persönlichen Anlass?
Matthias Schmidt: Es gab damals eine Anfrage des MDR. Das Konzept des MDR „Wut im Osten“ war mit einem typischen Neonazi illustriert, was ich schrecklich fand, weil ich den Osten so nicht sehe. Statt zu den Lautesten zu gehen, sollten wir zur breiten Mitte gehen, wo die Wut oft still ist.

Wer in Deutschland ist unbemerkt wütend?
Viele, mit denen ich sprach, sagten zunächst, dass sie keine Wut spüren. Doch dann kommt das „Aber“. Wut äußert sich unterschiedlich und nicht jeder verspürt bei den gleichen Themen Wut. Ich habe mich für meine Filme bewusst dagegen entschieden, mit Politkern oder Parteien zu sprechen, weil ich mit dem normalen Deutschen ins Gespräch kommen wollte.

Beschränkt sich diese Wut auf bestimmte Regionen oder gesellschaftliche Schichten?
Menschen auf dem Land, die in Deutschland zugleich die Mehrheit stellen, denken, dass die Städte anders ticken und die dortigen politischen Vorgänge die Bevölkerung außerhalb der Städte nicht mehr repräsentieren. So ergeben sich dann auch Unterschiede in den Wahlergebnissen zwischen ländlichen und urbanen Gebieten.
Es gibt allerdings viele Gründe für Wut. Und auch die Wut selbst ist zu vielschichtig, als dass man pauschalisieren könnte.

Vorschau für Gesprächsnachmittag in Nünchritz
Viele Nünchritzer zog es zur Podiumsdiskussion in den Kinder- und Jugendtreff Kombi, jeder Platz war besetzt

Wie wurden ihre Filme im Osten und Westen aufgenommen? Gab es Unterschiede in den Reaktionen von Ost- und Westdeutschen?
Der erste Film hat für sehr viele Reaktionen in Ostdeutschland und von im Westen lebenden Ostdeutschen gesorgt. Für den dritten Film haben wir dann Meinungen direkt im Westen gesammelt. Mit der einfachen Frage „Wie geht es denn euch?“ haben wir einen Dialog mit den Menschen im Westen gestartet. Der Film wurde dann auch im WDR diskutiert.

Welche Unterschiede sind Ihnen zwischen Ost und West aufgefallen?
Mit der Einwanderung während des Wirtschaftswunders und dem Verschwinden der alten Industrie hat auch der Westen seine Transformationserfahrungen gemacht. Der Unterschied ist: Während die Demokratisierung im Osten mit einem wirtschaftlichen Niedergang einherging, ist sie im Westen positiv mit dem Wirtschaftswunder verknüpft.

Mittlerweile haben Sie fünf Filme über die Wut der Deutschen gedreht. Wie geht es weiter?
Zu Beginn war keine Filmereihe geplant. Davor habe ich thematisch einen sehr breiten Bereich abgedeckt, so habe ich unter anderem Filme über Wladimir Putin, Angela Merkel oder J. R. R. Tolkien [Anm. d. Red.: Autor von „Der Herr der Ringe“] gedreht.
Mir hat die Arbeit an den Filmen auch sehr viel Spaß gemacht, aktuell ist aber noch offen, ob weitere Filme folgen werden.

Die Filmreihe "Wut" in der Mediathek des ARD